Der Weg zur Freiheit durch Heilarbeit

Ich habe kürzlich ein Interview mit Renée Bonanomi, einer Heilerin in der Schweiz gefunden. Und es beantwortet so viele Fragen zum Heilwerden und zur Heilarbeit, dass ich es hier gern wiedergebe:

Interview mit Renée Bonanomi

von Martin Frischknecht, gefunden in Spuren

Wenn ein Mensch konsequent den eigenen Weg geht und der Spur der eigenen Wahrheit folgt, beginnt er dann nach außen zu strahlen und andere anzuziehen? Allerdings!

Seit Jahren steht ihr Name bei uns für ein Interview ganz oben auf dem Plan. Aufgedrängt hat sie sich nie. Gelegentlich höre ich ihren Namen, immer wieder erzählen mir Leute von einer Begegnung mit ihr; und was mir zu Ohren kommt, ist durchwegs positiv. Wie ein geheimer, still für sich leuchtender Bezugspunkt führt sie Suchende zusammen und berührt diese im Innersten. Wenn sie zu einer ihrer Fortbildungen einlädt, strömen weit über hundert Teilnehmer nach Gwatt am Thunersee. Es sind lauter Menschen, die sie bereits kennen und eine der wenigen Gelegenheiten nutzen, um wieder bei ihr zu sein. Werbung für ihre Anlässe macht sie keine, im Internet ist sie so gut wie inexistent, öffentlich sichtbare Bilder von ihr gibt es zwei, drei. Eines davon erschien vor Jahren in SPUREN zu einem kurzen Beitrag über Heilen. Es zeigt sie mit geschlossenen Augen, wie sie hinter einem Menschen steht und ihm ihre Hände auflegt. Die Behandelte nimmt auf dem Bild mehr Platz ein als die Therapeutin.

Ist Renée Bonanomi eine moderne Heilige? Diese Frage aufzuwerfen, traue ich mich fast nicht. Jedenfalls nicht, nachdem ich sie Anfang Sommer zusammen mit Claude Jaermann besucht habe. Der Begriff öffnet in den Köpfen bloß eine Schublade, in jedem Kopf wieder eine leicht andere. Diese grundgütige, bescheidene, aus sich selbst heraus strahlende Frau in eine solche Schublade zu stecken, wird ihr nicht gerecht. Dazu ist sie zu lebendig. Und doch ist da eine Präsenz, die sich anders schwer in Worte fassen lässt.

Selten zuvor bin ich einem Menschen begegnet, der sich in dem, was er von sich gibt und was er von sich zeigt, weniger darum kümmert, wie das beim anderen ankommt, was es der Öffentlichkeit über ihn verraten könnte.

Wenn man ihr eine Frage stellt, hört sie zwar aufmerksam zu und geht durchaus darauf ein, doch, was sie sagt, scheint wie von einem anderen Ort zu kommen als aus ihr selbst. Jedenfalls spricht sie nicht aus dem Mantel einer Persönlichkeit heraus, deren Energie darauf verwendet wird, die eigenen Grenzen und Beschränkungen aufrechtzuerhalten. Das ist außergewöhnlich und auf das Gegenüber hat es den Effekt, dass man selber weicher wird, den eigenen Mantel aufknöpft und die Dinge geschehen lässt, wie sie geschehen wollen, ohne sich an Vorgaben zu halten. Nicht unbedingt die idealen Voraussetzungen für das, was im Journalismus unter einem Interview verstanden wird. Aber beste Bedingungen für eine offene Begegnung von Mensch zu Mensch.

Fest steht: Renée Bonanomi feiert in diesem Jahr ihren achtzigsten Geburtstag. Wir haben das zum Anlass genommen, sie in ihrer Wohnung in einem Vorort von Bern zu besuchen. Während Jahrzehnten hatte sie in einem Haus in Köniz gelebt. Dort zog sie ihre Kinder groß, dort begann sie damit, anderen mit Rat und Tat beizustehen, dort bildete sich ein erster Kreis von Menschen um sie.

Heute lebt Renée Bonanomi alleine in einer unauffälligen Blockwohnung. Rund ums Haus spielen Kinder, vergnügen sich an Spielgeräten, plantschen in einem Wasserbecken, tollen durchs Treppenhaus. Ganz zu ihrem Vergnügen. Ihre Wohnung im Parterre ist spärlich eingerichtet, wirkt dadurch offen und hell. Wir setzen uns an den Esstisch, trinken Wasser. Kaum steht eine erste Frage im Raum, beginnt sie zu sprechen. Heilende Energien? Es geht los:

SPUREN: Habe ich richtig gehört: Du sagst, es gibt keine Heiler?
Renée Bonanomi: Es gibt keine Heiler. Was es gibt, ist ein Bewusstsein, das durch uns strahlt; und jedes einzelne Bewusstsein, das höher ist als andere, ist mehr in Frieden und in Harmonie, mehr mit sich selber im Klaren und wirkt dadurch automatisch heilend. Die unwissende Energie, die chaotisch und ungeordnet sein kann, richtet sich immer nach der stärkeren, geordneten Kraft. Also kann man nicht lernen, eine Heilerin oder ein Heiler zu sein. Man kann lernen, bewusst zu werden, in sich selber stärker zu sein, und daraus erwächst die Kraft.

Müsste unsere Welt nicht anders aussehen, wenn sich das geordnete Bewusstsein so mühelos durchsetzen würde?
Nein, denn es gibt nichts, was falsch wäre. Alles ist hundertprozentig richtig so. Das Leben selber ist eine absolut geordnete Kraft, die sich bewusst in den Mangel hineinbegibt, in die Unordnung und ins Nicht-Wissen. Daraus entsteht eine unbegrenzte Vielfalt von Bewegung innerhalb von Zeit und Raum. Das ist das Leben, und es ist das einzige, was es gibt: ein unbeschreibliches Wunder an Kreativität. Das Dunkel gehört zum Hellen, das Helle zum Dunkeln.
Unsere Sehnsucht aber zieht uns zum Hellen, da wir uns nach Ordnung sehnen. Darüber vergessen wir das Spiel. Doch haben wir erst mal entdeckt, dass es das Spiel ist in seiner ganzen Vielfalt, welches uns so fasziniert, dann erkennen wir das Wunder und beginnen, das Leben zu bewundern und es zu genießen.

Sehen wir uns dies mal aus der Nähe an: Hier vor deinem Balkon spielen Kinder, und dabei kann es durchaus vorkommen, dass ein Kind ein anderes schlecht behandelt. Betrachtest du dieses Geschehen dann auch aus dieser gelassenen Perspektive?
Ja, das tue ich. Als ich selber noch Kind war, spielten wir «Himmel und Hölle». Man warf einen Stein vor sich und musste durch die Felder des mit Kreide auf den Boden gezeichneten Spielplans hüpfen. Für mich ist das Leben ein solches Spiel: Das Nichts beinhaltet auch seinen Gegenpol, die Fülle, das Helle auch das Dunkel, das Wissen auch das Nicht-Wissen. Ganz bewusst gibt es diese Spaltung in einen weiblichen und einen männlichen Pol, damit etwas passiert und es kreativ wird, damit es Materie gibt und ein Spiel einsetzt. Und dazu kann man nicht sagen, man hätte davon gerne ein bisschen, aber lieber nicht alles. Davon gibt es immer nur Tutti. Und darum ist der Gegenpol für die Dynamik genauso wichtig wie der Pol, der uns anzieht. Zum Glücklichsein gehört untrennbar das Unglücklichsein. Was wir als Gegensatz empfinden, ist eine Einheit. Das alles gehört ins Leben.
Ich mache es gerne so, dass ich mir solche Dinge nicht über Lesen oder Studieren aneigne, sondern sie aus meinem eigenen Leben herausentwickle. Wenn sich in mir eine Frage bildet, wende ich mich dieser Frage zu und untersuche, warum sie zu mir gekommen ist. So mache ich es auch mit deiner Frage. Wenn sie mich beschäftigt, so tut sie das, weil ich hier etwas noch nicht weiß oder noch nicht verstanden habe. Da ich, seitdem ich dreißig Jahre alt bin, ohne davon viel Aufhebens zu machen, immer schon in frühere Leben sah und in sie «hineinrollte», setze ich mich mit einer solchen Frage hin, sehe eigene Leben irgendwo auf der Welt und zu irgendeiner Zeit, die mit diesem Leiden zu tun hatten, Leben, aus denen ich starb, ohne zu wissen, warum ich damals dieses oder jenes erlitten hatte, warum ich Täter war, warum Opfer. Warum? Mich fasziniert das sehr, noch heute.

Und was für Antworten findest du?
Dass es eben das Leben selber ist, dessen Formen erst entstehen durch die Trennung in Männlich und Weiblich. Diese Pole werden getrennt und sie müssen aufbrechen, um sich zu suchen, um es mal ganz einfach auszudrücken. So habe ich sehr vieles in mir untersucht, Dinge betrachtet, zu denen ich dachte: Das darf doch nicht wahr sein. Und ich bin immer wieder zur Einsicht gekommen, dass es ein Spiel ist, das absichtlich inszenierte Spiel einer unbegrenzten Vielfalt und keineswegs Ausdruck einer durch uns zu bewertenden Störung.
Ich mag das Wort «Gott», um zu bezeichnen, was Nichts ist. Gott muss Nichts sein, denn die kleinste Wertung seinerseits wäre ja eine Begrenzung. Dadurch würde etwas ausgegrenzt. Gott muss an einem Ort sein, wo alles verstanden wird.
Für mein Leben ist das eine ganz wesentliche Grundlage: In Harmonie leben mit dem Innersten von mir, wo mal nicht gewertet wird. Sobald wir werten, sobald wir aufteilen in Gut und Schlecht, stecken wir in einer Trennung. Diese Trennung stimmt einfach nicht. Das habe ich bereits als Kind gespürt, dass die Trennung nicht stimmt.
Dieses Spiel zu entdecken und das zu sagen, was ich in mir empfinde, ist so gut wie meine Lebensaufgabe – was sage ich: es ist meine Lebensfreude. Meine Worte sind nicht perfekt, aber ich probiere das zu sagen, was ich in mir empfinde.

In sich das Weibliche und das Männliche zusammenbringen – wie geschieht das?
Es passiert. Bei meinen Seminaren möchte ich anderen aber auch zeigen, dass es einen Weg gibt, um bewusster zu werden. Wenn ich dabei ein wenig mithelfen darf, bereitet mir das große Freude. Künstlich lässt sich das nicht herbeiführen. Es geschieht durch das Bewusstsein und durch Erfahrung. Das Leben will erfahren werden, und am Leben ist nichts falsch. Voll leben und Ja sagen zu sich selber, das ist für mich der beste Weg.
Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, anderen zu helfen. Es gibt die Ärzte und viele wunderbare Sachen, die helfen. Und wenn sich da vielleicht ein Tröpfchen durch mein Bewusstsein beisteuern lässt, finde ich das gut.

Liegt darin für dich eine Berufung?
Ich habe in meinem Leben unglaublich viele Ausbildungen gemacht und die verschiedensten Erfahrungen in mich aufgesogen: Transzendentale Meditation, Ayurveda, philippinische Heiler, Astrologie und und und. Dabei ging es mir nicht um die Diplome, und ich dachte auch nicht daran, dieses Wissen später praktisch anzuwenden. Mich hat das einfach fasziniert, es hat mich gepackt, und ich wollte es für mich erfahren.
So hätte es vielleicht bis heute weitergehen können. Doch irgendwann kamen Nachbarn zu mir, die ein Problem hatten, vielleicht war es etwas mit einem Kind, oder sie hatten Eheprobleme. Bald wurde ich zur Omi – damals war ich noch nicht mal Großmutter –, die den Leuten irgendwie helfen konnte.
Ab und zu habe ich dabei wohl ein paar Worte verloren, jedenfalls wurde ich gefragt, ob ich meine Kenntnisse nicht weitergeben könne. Da kamen die Leute morgens vor der Arbeit zu mir. Es bildete sich ein Kreis, und der ist schnell gewachsen. Später gab es eine Sonntagsgruppe, die sich bei mir zu Hause versammelte. Daraus wurde die Mittwochsgruppe, die heute noch regelmäßig zusammenkommt. Meistens sind das um die fünfzig Personen.
Irgendetwas habe ich getan, die Leute waren jedenfalls glücklich damit. Ich glaube, ich habe einfach mich selber weitergegeben. Das wird es sein. Was ich von anderen erfahren oder gelernt habe, behielt ich für mich. Gegeben habe ich stets mich selber, denn damit kam ich nie an eine Grenze, wo ich nicht mehr weiter gewusst hätte.

Durch deine Stellung in diesen Gruppen bekommst du Einfluss auf jene, die regelmäßig zu dir kommen. Wie gehst du damit um?
Damit habe ich mich lange sehr schwer getan. Wenn ich gerühmt, ja fast verehrt wurde, wenn die Leute begannen, an mir zu kleben, hat mich das sehr gestört. Die einst kleine Gruppe von Freunden wuchs rasch an auf mehrere Dutzend Personen, die von mir so etwas wie einen Vortrag erwarteten. Ich fragte mich, was diese Leute bloß in mir sahen. Aber wenn ich etwas nicht will, will ich es ja gleichzeitig auch. Das gehört zusammen.
Schließlich habe ich mich daran erinnert, dass ich früher selber auch so war: Wenn ich von einem anderen etwas unbedingt wissen und erfahren wollte, habe ich mich stark auf diesen Menschen ausgerichtet und mich an ihn gebunden. Das zu erkennen hat mir geholfen. Heute verstehe ich, dass es auf dem Weg zur Freiheit normal ist, dass man sich für eine gewisse Zeit bindet. Aber ich binde niemanden an mich. Da bin ich mir sicher.

Der Weg zur Freiheit – was für eine Überraschung, ihn in einer unauffälligen Blockwohnung am hellen, heiteren Tag so ohne Firlefanz vor sich ausgebreitet zu bekommen…

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